Der Ausstellungsraum besteht aus einem gefliesten Badezimmer,
eine Wand ist ersetzt durch eine Videoprojektion. Der Videofilm
zeigt wieder ein Bad, der Ausstellungsraum findet eine Fortsetzung
in der Projektion.
Der statisch im Ausstellungsraum stehende Besucher sieht zunächst
keine weitere Filmhandlung. Durch näheres Herantreten
an die Videoprojektion löst der Betrachter weitere Filmszenen
aus.
Die
Handlung des gezeigten Filmes ist anfangs harmlos, wird jedoch
zunehmend gewalttätiger: Eine Frau betritt das Badezimmer,
darauf ein Mann, der sich verwundert umsieht. Ein zweiter
Mann folgt ihm, schaut in Richtung Ausstellungsraum, tritt
den ersten Mann brutal in Richtung Badewanne, packt ihn an
den Armen, senkt ihn in Richtung Badewanne und versucht schließlich,
ihn zu ertränken. Die Frau bleibt dabei teilnahmslos.Je
mehr sich der Betrachter der Projektionswand nähert,
desto gewalttätiger wird die gezeigte Filmsequenz. Die
Situation des Filmes kann durch rückwärtiges Laufen
entschärft werden, bis hin zum Anfang, wo die Frau das
Zimmer verläßt.
"Seduction
of the Innocent" ist eine Videoinstallation, in der der
Betrachter durch Bewegungen im Raum Filmszenen auslöst.
Die Realraumbewegung des Betrachters übersetzt sich scheinbar
analog in Filmbewegung. Sein Operationsraum ist eine realräumliche
Erweiterung des Filmraums: ein gekacheltes Zimmer, das an
eine Fernsehkulisse erinnert. Durch die Videoprojektion an
die Stirnwand ist dieses Zimmer als ein Bad bestimmt. Der
Illusionsraum der Projektion, der auf seiner linken Seite
eine Tür aufweist, ist ebenfalls gekachelt und verfügt
über ein Waschbecken und eine Badewanne nebst zugehörigen
Amaturen. Dieses filmische Badezimmer ist als Standbild Bühnenraum
einer Handlung, die der Betrachter durch Herantreten an die
Projektionswand auslöst; durch Wegtreten von der Projektionswand
wird das Standbild wieder hergestellt wird. Der Betrachter
und seine Filmhandlung initiierenden Bewegungen bilden neben
der Projektion und dem Kachelraum die dritte konstitutive
Realitätsebene der Installation.
Daß
sich der Film bzw. seine Repräsentationsebene in den
letzten 20 Jahren radikal geändert hat, ist eine Binsenweisheit.
Aufs Anschaulichste dokumentiert diese Veränderung der
Woody Allen-Streifen "The Purple Rose of Cairo":
Ein Herr steigt aus der Leinwand und entführt eine Dame
aus dem Zuschauerraum in die heile Welt des Films. Der Aufstieg
in den Illusionsraums Film überhöht das profane
Dasein der Betrachterin. Noch vor zwei Jahrzehnten ähnelte
der Film strukturell dem Roman: Er war dargestellte Wirklichkeit,
die sich von der gelebten Wirklichkeit durch ihre formale
Stingenz unterscheidet; sie barg ein Moment von Gelungenheit,
die dem wirklichen Leben notwendigerweise fehlen muß.
Diese Kluft zwischen Film und Leben beschreibt auf ironische
Weise der Film "The Purple Rose of Cairo", der zugleich
jeden Wunsch nach Erlösung durch den Film als nostalgisch
erscheinen läßt.
Anstatt
distanziertem Genußes einer nacherzählten Wirklichkeit
ist heute der Rezeption des Films ein Moment der Teilhaftigkeit
eigen. Der Film ist mehr Vorbild als Abbild. Der Zuschauer
erfährt sich im Film nicht mehr als in Welt verstrickt,
sondern erlebt den Film als Medium möglicher Lebenslösungen
bis hin zur konkreten Handlungsanleitung: wie man seinen Frust
abbaue bei erfahrener Kränkung. Die Zeitungen sind voll
von Tätern, die nach filmische Vorbildern, Blutbäder
inszenieren. Zentrales Moment des Films heute ist sein fließender
Übergang ins Leben, wobei der Film und das Leben sich
bevorzugt im Klischee treffen.
In
dem Low-Budget-Ambiente des Videos tritt eine Frau in das
leere Badezimmer und beginnt sich zu schminken. Bewegt sich
ein Installationsbesucher zur Projektionswand hin, löst
er Sensoren aus die veranlassen, daß ein computeranimiertes
Programm einen weiteren Mann die Szenerie betreten läßt
auf den ein zweiter folgt. Die Männer geraten sich in
die Haare, die Frau schaut teilnahmlos zu. Die Heftigkeit
der Handgreiflichkeiten hängt von der Position des Betrachters
im Raum ab: Je weiter er an die Projektionswand herangeht,
desto größer die Gewalt. Nur die Existenz der Projektionsfläche
verhindert das Schlimmste: Die Projektionfläche stoppt
mit dem Bewegungsdrang des Betrachters die Eskalation der
Handlung. Der Beobachter kann sich nur noch im Raum zurück
weg von der Projektionswand bewegen: analog dazu bewegt sich
auch der Film zurück zum Ausgangsbild. Die Handlung des
Films erinnert an eine Szene aus einer Soap, die Bewegungen
des Betrachters an eine Closed-circuit-Installation. Wäre
da nicht der Kachelraum, könnte man eine Verbindung von
den Closed-circuit -Installationen der siebziger Jahren zu
dem Genre der Soap herstellen um zu zeigen, daß ein
verändertes Zuschauerverhalten eine Veränderung
der Erzählform hervorgerufen hat und umgekehrt. Der Kachelraum
als dritte Realitätsebene verwischt dieses mögliche
gegenseitige analytische Verhältnis und läßt
die Installation als Mischform aus Interaktiv und Closed-circuit
erscheinen, wobei weder das eine noch das andere voll ausgebildet
ist. Jede der drei Ebenen fungiert quasi als "Füllung"
in dem Bruch der beiden anderen. Auf diese Weise illustriert
sich die Installation über die Brüche der verschiedenen
Repräsentationebenen und angewendeten formalen Mittel
hinweg.
Sowie
der Film das Verhältnis zwischen Raumobjekt und Zuschauer
erklärt und der Zuschauer ein illustratives Verhältnis
zwischen Film und Kachelraum herstellt, so bringt der Kachelraum
Zuschauer und Film von einem Verhältnis des gegenseitigem
Dispositivs in das Verhältnis einer gegenseitigen Verlängerung:
Die teilnahmlose Frau, die den gewalttätigen Männern
im Badezimmer zuschaut, antizipiert den Betrachter, der sich
dann durch die illustrative Konstruktion von realräumlich
und illusionsräumlich in den Filmraum quasi hineinstellt.
Aus einem analytischen Verhältnis von Betrachter und
Film wird ein komplettierendes. Der Film wird zum Komplize
des Zuschauers und der Zuschauer zum Komplize des Films.
|